Papi – der Bankräuber aus Antalya

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Sie nennen ihn Papi, unten im kleinen Hafen von Antalya. Die Händler kennen ihn alle, denn er war selbst mal einer.

Ich lerne ihn nur zufällig kennen, als ich mich neben ihn auf eine Bank setze, im neu angelegten Springbrunnen-Park, an der Ostseite des Hafens. Es ist der zweitschönste Park Antalyas, wie ich später erfahre.

Er fragt mich auf Englisch nach der Uhrzeit, woher ich käme – und antwortet mir mit perfektem Deutsch: „Es freut mich, dich kennenzulernen.“

Ich will wissen, woher er kommt und warum er so gut Deutsch kann. Da erzählt er mir seine Geschichte.

Aufgewachsen ist er in den 70er Jahren in Hannover, als Sohn eines immigrierten türkischen Ehepaars.
Seine Mutter war zu dieser Zeit die erste türkische Taxifahrerin in der BRD. Als ein Fahrgast versuchte, sie zu vergewaltigen, verlor er seine Zurechnungsfähigkeit. Vor dem Gerichtssaal stach er mit einem Messer auf den Angeklagten ein – dieser überlebte schwer verletzt.
Er hatte eine schwierige Jugend, in der Schule und mit den Nachbarn Probleme. Der Nachbar war Polizist und rassistisch obendrein. „Ali Baba, kiffst du wieder?“ habe dieser vom Balkon aus gerufen.
Die Drogen wurden ihm dann schließlich auch zum Verhängnis. Er wurde kriminell und aus kleinen Vermögensdelikten wurde dann der erste richtige Banküberfall.
„Ich habe nie jemanden erschossen, das hätte ich nicht geschafft“, sagt er. Doch irgendwann wurde es zu heiß. Die Polizei war ihm auf den Fersen und so beschloss sein Vater, ihn über Holland in die Türkei zu schleusen.

Dort angekommen meldete er sich zum Wehrdienst in der türkischen Armee. Mit seinem Trupp wurde er nach Ostanatolien versetzt, um die damals noch mächtige PKK zu bekämpfen.
„Wir sind jeden Tag 30 Kilometer gelaufen. Von der einen Bergkuppe bis zur nächsten. Dort haben wir dann unser Lager aufgeschlagen.“

In der Nacht habe er große Angst gehabt. Nicht um sich, sondern um seine Kollegen. Zwei haben geschlafen, während der dritte im Schützengraben Wache gehalten habe. „Es war eine unerträgliche Situation. Wenn die Büsche geraschelt haben, wusste ich nicht, ob es der Wind war oder ein PKK-Kämpfer.“

Eine Nacht sei ihm besonders in Erinnerung geblieben, denn er habe zweifellos etwas in der Dunkelheit ausgemacht. Als es immer näher kam, habe er geschossen. Die Offiziere seien von oben herunter gekommen und hätten alle angewiesen, im Graben zu bleiben. Am nächsten Morgen habe man nachgeschaut – im Gras lag ein Rind – es hatte sich verlaufen.

Die Zeit im Militär hat ihm geholfen, von den Drogen weg zu kommen und ein normales Leben zu führen. „Ich war verheiratet und hatte zwei Kinder“, sagt er.

Heute ist er obdachlos und schläft abwechslungsweise im schönsten oder zweitschönsten Park Antalyas. Er nimmt mich mit auf eine Tour durch die Altstadt Antalyas, zeigt mir die unbekannteren Gassen und Plätze. Schließlich gehen wir noch Hühnchen essen.
„Hier gibt es das beste, auf Kohle gegrillte Hühnchen in ganz Antalya, es ist einfach nur geil“, schwärmt er. Und ich muss ihm Recht geben.

 

„Papi“, sein richtiger Name ist mir nicht bekannt, lebt seit fast 30 Jahren in Antalya. Seine Straftat in Deutschland verjährt im Dezember 2015. Ein Teil seiner Familie lebt immer noch dort.

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